Archiv für ‘Fortsetzungsgeschichte’

Mai 16, 2012

Die Abspaltung

Kaum war die Radikale Konservative Aktion (RKA) gegründet. Deren Ikone: Der Exzentriker Franz von Assisi, der vermutlich gar keine Ikone sein wollte. Da kam es bereits zum Bruch, eine Gruppe innerhalb der “alten RKA” brach heraus. So gründeten sich die “Post-Konservativen”. Nicht als Verein und nicht als Partei. Das wäre der Idee abträglich. Einfach kompliziert als Konzept des Umgangs mit der Umbruchzeit. In der die Orientierung aller Milieus neu justiert wird. Gedacht als stabilisierender Ausgleich zwischen der Gegenbewegung der Faulheit & des Etatismus (u.a. der RKA) auf der einen Seite und dem rekommodifizierenden und durch abstrakte Ideologiekonstrukte exzentrisch aufgeladenen Zeitgeist auf der anderen. Die erste Ikone der Postkonservativen war, etwas klischeehaft, Otto von Bismarck.

Eine Abspaltung passte zu dieser bewegten Phase und sollte der RKA, die als lebenskünstlerisches exzentrisches und politisches Projekt ergebnisoffen sein sollte, keinen Abbruch tun.

Das biedere Bürgertum war plötzlich politisch! Warum nicht? Gleiches Recht für alle, aber mancherlei subjektive Prädestination war damit, zumindest für diese Zeit, gefährdet. Eine Infragestellung des Status der institutionalisierten Revolution – und ihrer Repräsentanten – durch eine, wenn auch ebenso nur vermeintliche, Revolution von einer anderen Seite als der etablierten “Revolutionären”. Denkbar, aber ein Affront!

Von der erfrischenden Bilderstürmerei abgesehen: Biederkeit in motion. Sollte einem das Angst machen? Einen freuen oder unterhalten? Angst wäre, vielleicht inhaltlich falsch, aber vor allem übertrieben. In demographisch ruhigen Zeiten entsteht aus Trägheit auch in der Umbruchzeit kein gewalttätiger Extremismus. Das Bürgerliche (ob jeweils “alt” oder “neu”) bleibt unter diesen Bedingungen auch in der Bewegung (angenehm oder harmlos) ruhig.

Die Frage, die einer besorgt stellte, war: “Wenn das Bürgertum, als verlässlicher Pol der Ruhe und Kontrastbild für vermeintliche Revolutionäre, sich plötzlich ‘bewegt’. Wie soll der Revolutionär sich dann noch abgrenzen?”
“Der Revolutionär hats schwer” sagte ein Anderer.
Eine kluge Frau fragte: “Mal schichten-technisch gesagt: Wenn die Mitte in Aufruhr ist, sollen dann zum Ausgleich des Universums die Ränder bieder und ruhig werden?”
“Das wäre die Frage” sagte Udo, der Charismatiker mit der randvollen Brille. “Es könnte in der Abstraktion und Tat so sein, dass in einer Umbruchzeit die Mitte vom Rand kommen muss. Der temporäre Bewegungsdrang der Mitte wäre dann von den Rändern auszugleichen?”
“Ist das unsere Rolle? Die Innovatoren von gestern als die Beruhigungspillen von heute?” fragte Horst, der als Veteran schon an einigen Rändern der Gesellschaft war.

“Wir müssen nicht zusammenhalten, das ist unser Vorteil. Der Ausgleich kommt. Aber ob wir Teil des Biederen in Bewegung oder Teil des Bewegten in Biederkeit sind, das ist bedingt. Eine Wahl haben wir nicht. Gehen wir es also optimistisch und konstruktiv an.”

Die Postkonservativen gingen ans Werk, das daraus bestand, das yáng zum yīn zu sein. Und irgendwann auch wieder umgekehrt.

Mai 15, 2012

Die Sucher der Mitte

Es gibt eine Gruppe, die postmodernistisch und philosophisch motiviert für sich selbst einen Prozess erzählt. Sich als Teil des Prozesses einer Suche versteht. Sie nennen sich die “Sucher der Mitte” und leben die Paradoxa. Sie lehnen Idealbilder ab und nehmen sie gleichzeitig in ihr Gesamt-Mosaik mit auf. Denn eine reine, aktive Ablehnung von Ideal-Typen und Idealisierungen wäre selbst ein Idealbild.

Unter ihnen sind auch einige Damen. Diese sind im Allgemeinen, ohne deshalb dem – oder auch nur einem – Klischee zu entsprechen, zurückhaltender. Auch bei dem Begriff der Suche und Gruppen, die etwas suchen. Und sei es die Mitte. Und damit sind sie auf der Suche vermutlich bereits mindestens einen Schritt voraus.

An eine Mauer, die leider nicht so frei ist, wie sie sein könnte, hängen sie folgende Denkformulierung, mit der sie Atheisten wie positiv Gläubige beidermaßen zunächst unzufrieden machen:

Gott will von uns, dass wir Atheisten werden.

Dann schleichen sie von dannen, sanft aber hörbar. Etwas kokettierend immer noch, es ist noch Jugend in Ihnen. Aber doch mit einer Betonung auf der Höflichkeit, die das Alter kennt – und respektiert. Aber auch das nicht als einziger Zweck. In der einzelnen Situation schon – dann auch versuchtermaßen voll und ganz. Aber nicht im Gesamten.
Ein Flickenteppich aus fragmentarischen Intensitäten, die Ausgewogenheit ergeben sollen. Und nicht immer, aber immer wieder, auf der Suche.

Februar 4, 2012

Pressekonferenz

Die Pressemeute lauschte gespannt den Worten des Parteivorsitzenden der größten Oppositionspartei.
Dieser beschäftigte sich breit angelegt mit den großen Fragen und den offensichtlichen Schwächen der Konkurrenzparteien.

“Populismus und Alternativlosigkeit sind unsere größten Probleme derzeit”, sagte der Politiker mit betont ernster Miene. Dem schickte er noch einen Ernsthaftigkeit und Seriosität selbstbestätigenden Blick hinterher. Es hätte seinen Schauspiellehrer glücklich gemacht. Wenn er einen gehabt hätte. Er hatte in seinem Lebenslauf schon mit einem unvermeidlichen Aufenthalt am Lee Strasberg Institut geliebwandelt. Aber dann war er in die Politik gegangen.

“Kanzlerin Stromberg verkauft unsere Interessen an die USA” fuhr er ungerührt, diszipliniert in seiner Rolle, fort. “In China wagt sie es nicht einmal die Menschenrechte anzusprechen.”
“Wahrscheinlich hat sie diese dort auch gar nicht angetroffen”, flüsterte der zynische Reporter Walter zu seinem Kollegen nebenan.
“Auch die Linke Alternative hat außer Populismus und platten Parolen nichts zu bieten.”
Walter lächelte. Der Kollege neben ihm notierte fleißig, aber routiniert. Überraschungen waren heute wohl nicht zu erwarten.

Oktober 31, 2011

Story – New Revolution

Alexei war groß gewachsen und hatte blondes Haar. Er hatte leuchtende blaue Augen und schien aus “gutem Hause” zu sein.

Er diskutierte mit Igor über Sinn und Sinnlichkeit von Revolutionen, seit sie mit dem U-Boot abgelegt hatten. Dabei formulierten beide von unterschiedlichen Standpunkten aus, kamen sich aber durch ihre Gespräche auch näher.

Alexei hatte auch Lord Acton gelesen und bereits die Lebenserfahrung gemacht, dass Macht korrumpiert. Auch deshalb war er aber selbst an Macht interessiert. Auch er wollte korrumpiert werden, sich gehen lassen, sich nicht entschuldigen müssen, für seine Triebe und Leidenschaften. Ihm stand der Sinn nach Marquis de Sade.

Igor schaute Alexei länger an als sonst: Es war nun etwas Glühendes an ihm. Er schien ein Ziel, einen Zweck zu haben, für das er – zumindest im Jetzt und für die Gegenwart, praktisch nicht theoretisch – zu leben versuchte.

„Mit jeder Phase meines Körpers will ich die Revolution der Sinnlichkeit voranbringen. Ich will zeigen, dass man es kann! Dass es der Mensch kann, Frauen und Männer, Alte und Junge. Im Jetzt leben und die Normen für die Zukunft aufsparen – oder besser noch: In die Sonntagsvitrine der Vergangenheit stellen. Es wird Zeit die bürgerliche Moral hinter uns zu lassen,“ sagte er und grinste Igor an.

„Ich weiß nicht, ob das überhaupt möglich ist,“ wandte Igor ein.

Der Starke ist am mächtigsten allein,“ sagte Alexei zitierend.
Igor im übertragenen Sinne zwinkernd: „Wir sitzen alle in einem Boot.“

Lenja Sarafanja – die auch Matrjoschka genannt wurde, weil sie immer für Überraschungen gut war – läutete die Glocke zum Duschen: „Wer duschen will, jetzt anstellen!“ „Pjat, Pjat – immer fünf auf einmal, bitte!“ rief sie durch die Gänge.

„Wir sollten unsere soziale Einbettung nicht zu sehr verlassen“ mahnte der auf dem Land aufgewachsene Nikolai mit betont ernsthafter Stimme. Er war auf dem Weg zur Dusche und hatte nur seine Halskette mit einem Kreuz daran und ein Handtuch um. Vielleicht redete er deshalb etwas lauter.

„Einbettung habe ich genug“, sagte Alexei. „Und die soziale Interaktion fördern wir Abenteurer der Sinnlichkeit auch.“

Oktober 31, 2011

Kapitel X – Rituale

E demonstrierte als Ein-Mann-Demonstration für das öffentliche Gelöbnis. „Die Gesellschaft braucht Rituale.“ sagte er. Sowohl das Gelöbnis als auch die Demonstrationen dagegen sollten erhalten bleiben. Forderte er nicht. Aber er hielt es für dem logischen und empirischen Dualismus entsprechend.

Eine individuelle Lanze für das gemeinschaftliche Ritual. Für das Zelebrieren des Ist-Zustandes des Gruppenwesens Mensch. Das Ritual des Gelöbnis an X. Bestehend aus den Teilmengen Gelöbnis und X. X in diesem Fall das Grundgesetz. Aus mancher Perspektive war das Gelöbnis „überkommen“. Aber in der Interpretation des E war dieses konkrete Ritual und in dieser Konstellation (noch) nicht anachronistisch. E glaubte an die konstitutive Wirkung von Ritualen.

„In welcher Verfassung ist eigentlich das Grundgesetz?“ fragte der Schelm.

Oktober 31, 2011

Kapitel X – Poulon erzählt

Dr. Poulon war Sexualpsychologe und Therapeut.

Unter dem Titel „Masturbation und Häuslebauen“ hatte er eine Empirische Aufsatzsammlung über die moderaten sexuellen Eskapaden/Eskapismen des modernen Kleinbürgertums gesammelt.

Wissen Sie, die meisten Menschen haben, um es mal klar anzusprechen, eine kranke Phantasie. Wenn es denn eine Mehrheit ist, die solche Fantasien hat, warum bezeichnet man diese dann als krank? Ein Mehrheitsphänomen kann doch nicht krank sein. Man kann zwar sagen: Die meisten haben so kranke Fantasien. Aber wenn das wirklich so wäre, wäre doch die gesamte bzw. von der Mehrheit geprägte Gesellschaft krank. Oder nicht?

Ist es erst dann Krank in Praxis, wenn die kranken Fantasien auch ausgelebt/gelebt werden? Und machen das nur die Wenigen, obwohl die meisten solche haben?

Ist das der Unterschied zwischen krank und „echt krank“.

Das liegt formal bzw. kommunikativ/dem Wortlaut nach daran, dass Krankheit gar nicht mal ansatzweise eindeutig definierbar ist.

Auch ist es so, dass man auch hier zwischen Sein und Sollen unterscheidet, ob zurecht oder zu unrecht, es ist so.

Krank ist normativ in diesem Sinne und daher vorhanden, auch natürlichen Ursprungs, aber öffentlich unerwünscht.

 

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Oktober 31, 2011

Kapitel X – Sozialgefüge

„Da arbeiten sie vor sich hin, die Drohnen der Mittelschicht.“ resümierte Victoire halbernst. Sowohl Arbeit als auch Resümee waren teils auf eigene Rechnung, teils auf Kosten des Staates und damit wiederum auf Rechnung der eigenen, und der Oberschicht. Diese war aber im Korporatismus nicht weniger zu Hause als die Anderen. Alle hatten subjektiv zurecht im Grundsatz immer ein gutes Gewissen.

Oktober 6, 2011

Leviathan und die unsichtbare Hand

»Wir ersetzen die unsichbare Hand. Und – das geht,zumindest in einer mehrdimensionalen, gedanklich aufteilbaren Welt – wir sind die unsichtbare Hand,« sagte Grigori Shimanov augenzwinkernd. »Als ein Leviathan, der das zum sozialen Gewinn inszenierte wie auch das vermeintliche – beziehungsweise ernsthaft empfundene – Chaos “beseitigt” und gleichzeitig das Chaos integriert, da es nicht wegzudenken oder wegzudefinieren ist.«

»Adam Smith und Thomas Hobbes wären stolz auf diese unsere Arkadische Republik gewesen!« rief, sowohl ernst als auch ironisch, Adam aus der Hörerschaft.

Mai 16, 2011

Erfolg kommt aufs System an

Oscar: Hörst, Du alter Walzenbummler. Was machst Du denn da draußen? Gibt’s kein Morgen mehr oder hast Du das alles nur für eine Woche eingekauft?
Fred: Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren is. Ich hab nur ein wenig zum Leben kaufen wollen und nun hat mich der Genuss gepackt! Ich hab alles gekauft, was ich schon immer nicht haben musste.
Oscar: Fin de siècle am Anfang des Jahrhunderts, sogar am Anfang des millenio?
Fred: Man kann ja nicht ewig streben. Wenn man Karriere macht, macht man das ja nicht der Karriere wegen, sondern aus egoistischen Gründen.

April 5, 2011

Fred und Oscar

Fred: Wenn die Linksradikalen “kulturkritisch” werden, ist das natürlich eine nihilistisch-absurde Situation. Aber vielleicht steht es dann wirklich einmal – oder gar ein Mal – ernst um die Gesellschaft als solche -> und es ist nicht nur die ewige Nörgelei, dass gestern noch alles besser war.

Oscar: Dass man sich theoretisch manchmal wünschen würd, an dem Niedergang sei was dran, weil dann auch das dumme Geschwätz niederginge, das kann ich verstehen. Aber Dein Ansinnen hört sich ein wenig nach folgendem an: “Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos?” Bist Du zum Pruteniker geworden?

Fred: Nein, so weit geht die soziale Neurose noch nicht. ;-) Zumindest hilft die natürliche Gelassenheit – die nicht Zynismus ist, aber doch “Eisicht in die Gegebenheit hat” – hier, nicht in individualistische Verzweiflung oder soziale Hysterie zu verfallen.

Oscar: Der Mensch als homo sociologicus neuroticus.

Fred: Ja. Der Mensch ist – auch – abhängig und abgestoßen von seiner sozialen Gebundenheit.