„Wir brauchen keine geistigen Vaterlandsverräter – Wir brauchen richtige Vaterlandsverräter!“
rief er in den begeisterten Saal.
Aber der Saal war alt und erfahren. Die Leute darin waren jung und ob der großen Anforderungen des Redners nicht so begeistert.
Revolution ist anstrengend
Humor gegen Revolutionsgelüste
Ein Kabarettist parliert auf lokaler Ebene über die schlechten Zustände in intersubjektiv geteilten Vorstellungswelten. Ausnahmsweise reagiert auf diese Kritik aus der intellektuellen res publica die Weltbühne. Die „Reaktion“ ist – heutzutage oder allgemein? – weder zustimmend noch ablehnend:
„Wenn die Leute drüber lachen kennen, dann denkens nicht an die Freuden einer versuchten Revolution“ sagte Woodrow thesenhaft. „Oder auch den Versuch revolutionärer Freuden.“ Und so weiter.
Im Hintergrund erhält der Komiker von vorhin am Hintereingang (des ?-Klubs) ein Bündel Geldscheine von einem Mann in einer Limousine, der dann wieder (der Chauffeur fährt) abfährt bzw. abfahren lässt.
Günther: „Die Leit’ hier machen auch so keine Revolution.“
„Erinnern wir uns an 1848!“ sagte der vorsichtige Ewald.
„Nicht persönlich, nein“ scherzte Walther.
Günther: „Nein, das war keine Revolution. Der Erfolg macht die Revolution zu einer solchen.“
Walther: „Der Versuch ist strafbar, aber für sich alleine eine theoretische Randnotiz.“
Felics: „Man soll ja auch die Randnotizen beachten. Vielleicht liegt in Ihnen manchmal oder allgemein mehr Schönheit als im reinen Pragmatismus.“
Peter: „Ja, das kann sein. Die Klarheit hat abstrakt ihre orientierende und eventuell inspirierende Wirkung. Aber konstruktiv ist sie vielleicht nur, wenn sie subjektiv schön wirkt und nicht, wenn sie Angst macht.“
Rohrbach: „Auf einer anderen Seite sollte eine Interpretation der Wirkung des „subjektiv Schönen“ auch in den theoretischen Überlegungen an ihre sozialstrukturelle Subjektivitätsgebundenheit gekoppelt bleiben. Es sollte nicht eine generalisierte Forderung nach „Schönem“ bzw. eine moralisch instrumentelle Konstruktion eines solchen sein. Denn das konstruiert-objektivierte „Schöne“ konstituiert auch die kontrastierende Vorstellung eines „Unschönen“. Ein Schönheits-Kult wäre nicht die Antwort auf die Suche nach einer Orientierung in postmodernen Zeiten.“
Story – New Revolution
Alexei war groß gewachsen und hatte blondes Haar. Er hatte leuchtende blaue Augen und schien aus “gutem Hause” zu sein.
Er diskutierte mit Igor über Sinn und Sinnlichkeit von Revolutionen, seit sie mit dem U-Boot abgelegt hatten. Dabei formulierten beide von unterschiedlichen Standpunkten aus, kamen sich aber durch ihre Gespräche auch näher.
Alexei hatte auch Lord Acton gelesen und bereits die Lebenserfahrung gemacht, dass Macht korrumpiert. Auch deshalb war er aber selbst an Macht interessiert. Auch er wollte korrumpiert werden, sich gehen lassen, sich nicht entschuldigen müssen, für seine Triebe und Leidenschaften. Ihm stand der Sinn nach Marquis de Sade.
Igor schaute Alexei länger an als sonst: Es war nun etwas Glühendes an ihm. Er schien ein Ziel, einen Zweck zu haben, für das er – zumindest im Jetzt und für die Gegenwart, praktisch nicht theoretisch – zu leben versuchte.
„Mit jeder Phase meines Körpers will ich die Revolution der Sinnlichkeit voranbringen. Ich will zeigen, dass man es kann! Dass es der Mensch kann, Frauen und Männer, Alte und Junge. Im Jetzt leben und die Normen für die Zukunft aufsparen – oder besser noch: In die Sonntagsvitrine der Vergangenheit stellen. Es wird Zeit die bürgerliche Moral hinter uns zu lassen,“ sagte er und grinste Igor an.
„Ich weiß nicht, ob das überhaupt möglich ist,“ wandte Igor ein.
„Der Starke ist am mächtigsten allein,“ sagte Alexei zitierend.
Igor im übertragenen Sinne zwinkernd: „Wir sitzen alle in einem Boot.“
Lenja Sarafanja – die auch Matrjoschka genannt wurde, weil sie immer für Überraschungen gut war – läutete die Glocke zum Duschen: „Wer duschen will, jetzt anstellen!“ „Pjat, Pjat – immer fünf auf einmal, bitte!“ rief sie durch die Gänge.
„Wir sollten unsere soziale Einbettung nicht zu sehr verlassen“ mahnte der auf dem Land aufgewachsene Nikolai mit betont ernsthafter Stimme. Er war auf dem Weg zur Dusche und hatte nur seine Halskette mit einem Kreuz daran und ein Handtuch um. Vielleicht redete er deshalb etwas lauter.
„Einbettung habe ich genug“, sagte Alexei. „Und die soziale Interaktion fördern wir Abenteurer der Sinnlichkeit auch.“