Monat: Juli 2010

Solaria

„Willkommen in der Ökodiktatur,“ sagte der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses freundlich. Er sagte es nicht ironisch, denn Ironie war der Feind des Kampfes für eine Wende. Wende war das neue Wort für Revolution, weil bisher weniger abgenutzt. Auch hatte man sich eingestanden, dass eine gewisse gute Sache auch überzeugte Vorreiter brauchte. Die Funktionsträger von Solaria hatten sich für diese Rolle geopfert. Der Vorsitzende begrüßte die Neubürger, die den solarianischen Pass erhalten hatten. Er war auch einer der stellvertretenden Vorsitzenden der Kommission für nachhaltige und verantwortungsbewusste Entwicklung, die für die Organisation des verantwortlichen Lebens in Solaria Verantwortung übernahm. Von den Menschen.

Der die neuen Einwanderer aus weniger nachhaltigen „Gesellschaften“ begrüßende Verantwortungsträger hieß Scheinmeier. Er hatte eine ungewöhnliche Brille, aber gewöhnliche Ansichten. Man gewöhnte sich nicht so gut an seine besserwisserische Art, das war vielleicht ein Marketing-Problem. Die Neuankömmlinge wussten das und vieles andere aber noch nicht. Sie konnten nur erahnen, welche zukünftige Freude noch lauern würde – Zukunft war sehr wichtig in Solaria. Sie nahmen zunächst nur die Beflissenheit wahr, mit der der äußerst abgestimmt gekleidete Vorsitzende sie in die Regeln und Pflichten des Lebens in Solaria einweihte.

Neben der Nachhaltigkeitskommission war die Agentur für Gesundheitsfürsorge, die vom Gesundheitsausschuss geleitet wurde, eine der wichtigsten Behörden der Nachhaltigkeitsvorsorge in Solaria.

’Intellektuelle gegen den Klimawandel’ stand auf einem Plakat in der Chaussee Claudia Roth. Es war nicht zu übersehen, dass hier viel getan wurde, für die gute Sache, aber vor allem gegen die Angst, die seltsamerweise oft gerade dann zunahm, wenn man sich besonders davor wappnen wollte.

Natürlich ist es eine Utopie. Deshalb ist die Frage: Wie utopisch sind die Utopisten?

Hermann fragte: „Bleiben Sie bei dem, was sie umsetzen können oder versteigen sie sich – und vor allem: die vormals von diesen Segnungen ausgeschlossenen Menschen – in nicht technisch machbare Veränderungen im Geiste, die politisch nicht planbar sind?“

„Und nicht beherrschbar?“ merkte Olio ungewollt konterrevolutionär an.

„Es geht uns nur um die Sache.“ sagte Scheinmeier mit leicht angesäuertem Gesicht.

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Er wohnte in Zahnstadt

Er wohnte in Zahnstadt, Plummerlande. Und war keineswegs betrübt darüber, dass die „große Stadt“ so weit weg war. Diese nur in einem bestimmten, subjektiven Erlebnis-Gefühls-Bereich zu recht mystifizierte, jedoch für menschliches Verhalten ebenso wie jede andere Lebenswelt repräsentative urbane Gesellschaft war für ihn kein rotes Tuch, und doch zog sie ihn nicht an, obwohl er mindestens so Motte war, wie alle anderen. Wenn alle anderen gleich sind, ist keiner mehr oder weniger etwas. Allgemein kann man das sagen, aber allgemein in Bezug auf bestimmte Sachen nicht. Denn dort sind die Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Ob mit oder ohne Hemmschuh, die Menschen sind unterschiedlich und in der Unterschiedlichkeit in Gruppen wieder gemeinsam. Der Mensch als einsame Kopie seiner selbst? Der Geist konstruiert die Individualität als Idee u.a. anhand des Körpers. Hoffentlich kann es, er und sie aus seiner Individualität, die ihm durch das Begrenztsein in seinem Körper – und mal mehr und mal weniger in seinem Geist – gegeben ist (entrinnen/etwas machen).

Alexei Romanows Zigaretten-Freiheit

Alexei Romanov ging mir auf den Sack. Er kaufte sich immer die gleichen Zigaretten. Natürlich nicht die selben, denn er rauchte sie ja. Aber die Gleichen. Ob er ein Egalitätsfanatiker war, war nicht bekannt. Der Mensch ist sowohl egalitär als auch anti-egalitär. Im Ergebnis ist das, konstituierend für das menschliche Dasein, ein Widerspruch zwischen verschiedenen, nicht kompatiblen subjektiven und intersubjektiven Ansprüchen und der naturgegebenen Wirklichkeit. Denn an den Grenzen der Wünsche erfährt man die Wirklichkeit, bzw. dort ist sie zu Haus.