Monat: Oktober 2011

Revolution ist anstrengend

„Wir brauchen keine geistigen Vaterlandsverräter – Wir brauchen richtige Vaterlandsverräter!“
rief er in den begeisterten Saal.
Aber der Saal war alt und erfahren. Die Leute darin waren jung und ob der großen Anforderungen des Redners nicht so begeistert.

Advertisements

Humor gegen Revolutionsgelüste

Ein Kabarettist parliert auf lokaler Ebene über die schlechten Zustände in intersubjektiv geteilten Vorstellungswelten. Ausnahmsweise reagiert auf diese Kritik aus der intellektuellen res publica die Weltbühne. Die „Reaktion“ ist – heutzutage oder allgemein? – weder zustimmend noch ablehnend:
„Wenn die Leute drüber lachen kennen, dann denkens nicht an die Freuden einer versuchten Revolution“ sagte Woodrow thesenhaft. „Oder auch den Versuch revolutionärer Freuden.“ Und so weiter.

Im Hintergrund erhält der Komiker von vorhin am Hintereingang (des ?-Klubs) ein Bündel Geldscheine von einem Mann in einer Limousine, der dann wieder (der Chauffeur fährt) abfährt bzw. abfahren lässt.

Günther: „Die Leit‘ hier machen auch so keine Revolution.“
„Erinnern wir uns an 1848!“ sagte der vorsichtige Ewald.

Nicht persönlich, nein“ scherzte Walther.

Günther: „Nein, das war keine Revolution. Der Erfolg macht die Revolution zu einer solchen.“
Walther: „Der Versuch ist strafbar, aber für sich alleine eine theoretische Randnotiz.“

Felics: „Man soll ja auch die Randnotizen beachten. Vielleicht liegt in Ihnen manchmal oder allgemein mehr Schönheit als im reinen Pragmatismus.“
Peter: „Ja, das kann sein. Die Klarheit hat abstrakt ihre orientierende und eventuell inspirierende Wirkung. Aber konstruktiv ist sie vielleicht nur, wenn sie subjektiv schön wirkt und nicht, wenn sie Angst macht.“

Rohrbach: „Auf einer anderen Seite sollte eine Interpretation der Wirkung des „subjektiv Schönen“ auch in den theoretischen Überlegungen an ihre sozialstrukturelle Subjektivitätsgebundenheit gekoppelt bleiben. Es sollte nicht eine generalisierte Forderung nach „Schönem“ bzw. eine moralisch instrumentelle Konstruktion eines solchen sein. Denn das konstruiert-objektivierte „Schöne“ konstituiert auch die kontrastierende Vorstellung eines „Unschönen“. Ein Schönheits-Kult wäre nicht die Antwort auf die Suche nach einer Orientierung in postmodernen Zeiten.“

Story – New Revolution

Alexei war groß gewachsen und hatte blondes Haar. Er hatte leuchtende blaue Augen und schien aus „gutem Hause“ zu sein.

Er diskutierte mit Igor über Sinn und Sinnlichkeit von Revolutionen, seit sie mit dem U-Boot abgelegt hatten. Dabei formulierten beide von unterschiedlichen Standpunkten aus, kamen sich aber durch ihre Gespräche auch näher.

Alexei hatte auch Lord Acton gelesen und bereits die Lebenserfahrung gemacht, dass Macht korrumpiert. Auch deshalb war er aber selbst an Macht interessiert. Auch er wollte korrumpiert werden, sich gehen lassen, sich nicht entschuldigen müssen, für seine Triebe und Leidenschaften. Ihm stand der Sinn nach Marquis de Sade.

Igor schaute Alexei länger an als sonst: Es war nun etwas Glühendes an ihm. Er schien ein Ziel, einen Zweck zu haben, für das er – zumindest im Jetzt und für die Gegenwart, praktisch nicht theoretisch – zu leben versuchte.

„Mit jeder Phase meines Körpers will ich die Revolution der Sinnlichkeit voranbringen. Ich will zeigen, dass man es kann! Dass es der Mensch kann, Frauen und Männer, Alte und Junge. Im Jetzt leben und die Normen für die Zukunft aufsparen – oder besser noch: In die Sonntagsvitrine der Vergangenheit stellen. Es wird Zeit die bürgerliche Moral hinter uns zu lassen,“ sagte er und grinste Igor an.

„Ich weiß nicht, ob das überhaupt möglich ist,“ wandte Igor ein.

Der Starke ist am mächtigsten allein,“ sagte Alexei zitierend.
Igor im übertragenen Sinne zwinkernd: „Wir sitzen alle in einem Boot.“

Lenja Sarafanja – die auch Matrjoschka genannt wurde, weil sie immer für Überraschungen gut war – läutete die Glocke zum Duschen: „Wer duschen will, jetzt anstellen!“ „Pjat, Pjat – immer fünf auf einmal, bitte!“ rief sie durch die Gänge.

„Wir sollten unsere soziale Einbettung nicht zu sehr verlassen“ mahnte der auf dem Land aufgewachsene Nikolai mit betont ernsthafter Stimme. Er war auf dem Weg zur Dusche und hatte nur seine Halskette mit einem Kreuz daran und ein Handtuch um. Vielleicht redete er deshalb etwas lauter.

„Einbettung habe ich genug“, sagte Alexei. „Und die soziale Interaktion fördern wir Abenteurer der Sinnlichkeit auch.“

Kapitel X – Rituale

E demonstrierte als Ein-Mann-Demonstration für das öffentliche Gelöbnis. „Die Gesellschaft braucht Rituale.“ sagte er. Sowohl das Gelöbnis als auch die Demonstrationen dagegen sollten erhalten bleiben. Forderte er nicht. Aber er hielt es für dem logischen und empirischen Dualismus entsprechend.

Eine individuelle Lanze für das gemeinschaftliche Ritual. Für das Zelebrieren des Ist-Zustandes des Gruppenwesens Mensch. Das Ritual des Gelöbnis an X. Bestehend aus den Teilmengen Gelöbnis und X. X in diesem Fall das Grundgesetz. Aus mancher Perspektive war das Gelöbnis „überkommen“. Aber in der Interpretation des E war dieses konkrete Ritual und in dieser Konstellation (noch) nicht anachronistisch. E glaubte an die konstitutive Wirkung von Ritualen.

„In welcher Verfassung ist eigentlich das Grundgesetz?“ fragte der Schelm.

Kapitel X – Poulon erzählt

Dr. Poulon war Sexualpsychologe und Therapeut.

Unter dem Titel „Masturbation und Häuslebauen“ hatte er eine Empirische Aufsatzsammlung über die moderaten sexuellen Eskapaden/Eskapismen des modernen Kleinbürgertums gesammelt.

Wissen Sie, die meisten Menschen haben, um es mal klar anzusprechen, eine kranke Phantasie. Wenn es denn eine Mehrheit ist, die solche Fantasien hat, warum bezeichnet man diese dann als krank? Ein Mehrheitsphänomen kann doch nicht krank sein. Man kann zwar sagen: Die meisten haben so kranke Fantasien. Aber wenn das wirklich so wäre, wäre doch die gesamte bzw. von der Mehrheit geprägte Gesellschaft krank. Oder nicht?

Ist es erst dann Krank in Praxis, wenn die kranken Fantasien auch ausgelebt/gelebt werden? Und machen das nur die Wenigen, obwohl die meisten solche haben?

Ist das der Unterschied zwischen krank und „echt krank“.

Das liegt formal bzw. kommunikativ/dem Wortlaut nach daran, dass Krankheit gar nicht mal ansatzweise eindeutig definierbar ist.

Auch ist es so, dass man auch hier zwischen Sein und Sollen unterscheidet, ob zurecht oder zu unrecht, es ist so.

Krank ist normativ in diesem Sinne und daher vorhanden, auch natürlichen Ursprungs, aber öffentlich unerwünscht.

 

Kapitel X – Sozialgefüge

„Da arbeiten sie vor sich hin, die Drohnen der Mittelschicht.“ resümierte Victoire halbernst. Sowohl Arbeit als auch Resümee waren teils auf eigene Rechnung, teils auf Kosten des Staates und damit wiederum auf Rechnung der eigenen, und der Oberschicht. Diese war aber im Korporatismus nicht weniger zu Hause als die Anderen. Alle hatten subjektiv zurecht im Grundsatz immer ein gutes Gewissen.

„Pofallaisierung“ der Politik?

Pofalla-Symbolik und zivilgesellschaftliche Empörung als Ausdruck der Bewegung und Unklarheit in der Zeit des Strukturwandels. „Hip-Hoppisierung“ zugespitzter Äußerungen in der Politik. Nicht gut oder schlecht, aber Ausdruck der Zeit.

Berlusconi „disst“ Merkel, Sarkozy sagt indirekt, Cameron (nicht Diaz, sondern David) solle die „Fresse“ halten. Pofalla konnte Bosbach nicht mehr ertragen, obwohl er ihn körperlich durchaus sehen konnte. Sarkozy disst immer wieder Merkel.

Verunsicherung entspricht hier Unklarheit. Bei politischer Ebene wie in der Gesellschaft.

Keine Angst: Danach treffen sich alle beim EU-Gipfel und machen ein Gruppenbild. Auf den Straßen sammeln sich verunsicherte Menschen und die Zivilgesellschaft erfüllt nonintentional (nicht wie bei Gramsci negativ oder im Republikanischen Ideal positiv erzählt) ihren Zweck. Zweck aber im Sinne von „Die Geschichte geht weiter“ nicht in einem näher konkretisierbaren technischen Sinn.