Liste bedrohter abstrahierender Beschäftigungen


Was auf die Liste der von Marginalisierung bedrohten Human-Beschäftigungen gehört,
u.a.:

– Die Neoklassik
Die Beschäftigung mit der Schönheit der Wirtschaft als Theorie, als Modell und Form. Nicht als schnöde Anpassung an die „Realität“. Das klingt teils ironisch, ist es doch auch die Kritik an der Neoklassik und ihrer Modellwelt(en). Es ist aber auch ihre Stärke gegenüber allen soziologischen und (sonstigen) empirischen Herangehensweisen, von denen ein Teil derzeit (strukturell immer zurecht) wieder en vogue ist.

Die Neoklassik als Feier der um ihrer selbst willen betriebenen Ökonomik bzw. Theorie(n) der Ökonomie  (und nicht als Hilfsmittel für soziale, politische oder wirtschaftliche [Ja, auch dieser wegen gerade nicht!] Anwendung). Dieses immer wieder angeführte Verwertungsmanko der Neoklassik steht voll entgegen der Vorurteile einer angeblich durch sie bevorzugten schnöden Verwertungslogik. Diese Vorurteile werden durch die neoklassische Kultivierung einer Beschäftigung mit Ökonomie als Kunstbereich und Kunstform praktisch widerlegt. Die Neoklassik wurde (teils von ihren Repräsentanten auch so ausgesprochen) als nicht auf die direkte Anwendbarkeit ausgelegte Kunst gehegt und gepflegt. Das heißt als nicht primär auf die Faktizität und eine Ist-Zustands-Beschreibung hin produzierte Dienstleistung, sondern als Beschäftigung (im eher humboldt’schen Sinne) um ihrer selbst willen. In dieser Grundausrichtung sollte die Neoklassik auch weiterhin erhalten bleiben. Als eine von einer direkten Verwertbarkeit, philosophisch und sozialpraktisch vom Druck direkter Verwertbarkeit dekommodifizierte* (bzw. zumindest ernsthaft betriebene) Beschäftigung.

Das Fremde, das Distanzierte, das Kunstvolle, das Mathematisch-Abstrakte u.s.w. der Neoklassik ist schlecht für die Popularität in verschiedenen (hoffentlich nicht in allen) Kontexten. Als Purismus des Schöngeistigen ist die Classica Nova aber vielleicht die Einzige unter den bekannteren ökonomischen Konstruktionen bzw. Paradigmen, die ihre Konstruktion (und damit auch den Begriff) zu künstlerischer Eigenständigkeit bzw. Selbstbezogenheit führt (bzw. dies versucht). Diese teils bewusste Weltferne wird von manchen teils oberflächlich als unnütz bezeichnet, teils (perspektivisch ohne Wellenlänge dazu) nicht verstanden.

Der Grenznutzen der Ergebnisse und Weiterkultivierung menschlicher Abstraktionen ist aber nun mal subjektiv! Die Distanz zur reinen Repräsentation (des Strukturgegebenen), also die (sozusagen dessen bewusste) artifizielle Unterschiedlichkeit zum Wirtschaftsrealismus, macht die Neoklassik zu einem (vielleicht dem einzigen derzeitigen) Wirtschaftspositivismus**, der das Potenzial repräsentiert, über die Faktizität hinauszutranszendieren. Positivismus (hier) also gerade nicht als schlichte Repräsentation des Faktischen, sondern als nüchterne (bzw. zumindest nüchtern gemeinte), extrapolierende Abstraktion und Distanzierung davon. Und dadurch als Kunstform, die meta-faktische (also abstrakte und künstlerische) Beschäftigung mit dem Thema zulässt (bzw. darstellt).

Der Wirtschaftsrealismus in diesem Sinne versucht, die Tatsachen (die Handlungen und ihre Interpretation) in Worte zu fassen. Ein Wirtchafts(neo-)naturrecht versucht, Rechte aus dem Faktischen zu lösen (als A priori Naturrechte) und sie dann wieder in diese Faktizität einzubringen bzw. dort zu etablieren. Damit ist die Neo-Naturrechtslehre hier eine Mischform zwischen der Kunst und der Handlungswelt. Der Wirtschaftspositivismus wird (aus faktischer menschlicher Kreativität) artifiziell erstellt und verbleibt dann im Bereich der Kunst und der Beschäftigung mit diesem Thema (‚an sich‘, die für die engagierten Betreiber dieser Kunst zur Kultur ‚für sich‘ wird). Das ist keine Monokultur, sondern Kultivierung, da die Eindrücke der Menschen, die sich mit der Neoklassik (oder potenziell anderen Wirtschaftspositivismen) beschäftigen, aus der vielschichten praktischen Welt stammen und diese auch vermutlich oftmals neben ihrer Leidenschaft für eine aus dem hektischen Alltag gelöste Ökonomie-Theoretisierung noch andere Interessen und Hobbies haben. Diese Berufung auf das Hinausdenken über die konkrete jeweilige Zeit und den Raum macht die (derzeit nicht zeitgeistige) Neoklassik  zum Objekt auf der Liste der schützenswerten Abstrahierungen menschlicher Kreativität. Aber: Sie hat durch ihre offensive Zeitverneinung (wie allerdings auch das Gegenstück der historisierenden Methoden) das Potenzial, irgendwann wieder zu den Strukturen der Zeit zu passen. Dann wird sie (wieder) eine im Mainstream anerkannte Kunst. Diese Kunst wird aber, wie viele andere, weiterhin nur von engagierten und sozialbiographisch dazu passenden Menschen mit Leidenschaft für die reine Ökonomie (und nicht das Drumherum der vielstimmigen Welt) betrieben werden können.

___
* Dekommodifizierungsbegriff ursprünglich in sozial- und wirtschaftspolitischem Bezugsbereich bei Esping-Andersen.
** Die Begriffe „Wirtschaftspositivismus“, „Wirtschaftsrealismus“ und „Wirtschafts(neo-)naturrechtslehre“ hier in Analogie zur Unterscheidung zwischen ‚Rechtspositivismus‘ (hier vor allem gemeint in der Form des Versuchs einer reinen Rechtslehre nach Hans Kelsen), ‚Rechtsrealismus‘  und ‚(Neo-)Naturrechtslehre‘ aus dem rechtsphilosophischen und -theoretischen Bereich.

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