Die Radikale Konservative Aktion postuliert


Freiherr Geiner („war so wie er“) Heißler von Oberlehrerdorf zu Sapienz ritt auf einem weißen Pferd in die Arena der öffentlichen Empfindungen. Er trank gerne mal einen ‘Heichelberger Unverfroren‘, war im Grunde aber eine ehrliche Haut. Er wurde vieles gefragt und beantwortete die Fragen oft verbindlich im Ton und unverbindlich im Inhalt. Das war, durchaus ernsthaft und ironisch zugleich, ein Teil seiner Erfahrung und Weisheit. Dann wieder eine Frage: „Die Geldmenge ist heute um ein Vielfaches größer als die tatsächliche Summe der Leistungen und Waren. Wenn man das für gefährlich erachtet: Wie könnte man diese virtuellen Geldblasen reduzieren, ohne das berühmte ‘Wachstum‘ zu gefährden? Und ohne die Einlagen vieler Sparer, Versicherten und Rentenanleger über Maßvollität – sozusagen maßvolle Volatilität – zu reduzieren? Muss das System erhalten werden so lange es geht, also bis es platzt? Oder kann man es gezielt bzw. kontrolliert reformieren?“
Geiner antwortete: „Das Kapital an sich ist eine gute Sache. Eine Sache. Es muss den Menschen dienen und nicht die Menschen dem Kapital.“ Das war unbestimmt und überzeugend – teilweise auch deswegen.

Aus Richtung Abduktistan (das für viele immer wieder auf der Landkarte bei Kannitverstan lag) kam ein Reiter auf einem grauen Pferd angeritten. Er war  rüstig und rustig, wie ein Panther in seinen besten Jahren. Er war Anführer einer wilden Rotte, die ungewollt aus der Konformität gerutscht war und nun versuchte, die Zeiten wieder ihrer Perspektive anzupassen. Sie nannten sich „Radikale Konservative Aktion (RKA)“ und wollten mit dem Namen ihre innere Zerrissenheit und den Wunsch nach Sicherheit und Veränderung zugleich ausdrücken. Von manchen wurden sie auch wegen ihrer Abkürzung assoziativ als Römisch-Katholischer Aufbruch bezeichnet – “Ritter Schäffler meets Konrad Adenauer.“ Achtung: Ungewöhnliche Aktionen können die Kreativität anregen. Der Warnhinweis hätte auf der Rüstung der offiziellen Vertreter der RKA prangen sollen, wenn es mitunter nach einigen Mituntertanen gegangen wäre. Glücklicherweise – konnte man in diesem Fall sagen – ging es nach der Grundstruktur und nicht nach dem Willen exzentrischer Akteure. Wie weit man selbst zu dieser Kategorie gehörte, hatte man bei der RKA bisher nicht weiter erörtern wollen. Man suchte seinen Erfolg in der Praxis, gerne auch relativ – aus dem Sturm und Drang-Alter war man großteils heraus.

Der agile Senior stieg als Senor wie Don Quichote vom Pferde und schlug die Thesen der RKA an die Wand, die entweder Zustimmung oder Diskussion anregen sollten. In dem working paper mit dem Titel „Nachhaltigkeitsinflation oder bewusste Gegenwart“ war Folgendes postuliert:

Die Radikale Konservative Aktion (im Folgenden RKA genannt) fordert:

Es ist (mal wieder) Zeit für einen Neustart. … Für ein radikales, weil massives (aber nicht systemrevolutionäres, wir sind ja konservativ!) Ablassen (Deflation) der Blasen der heutigen virtuellen Geld-/Schuld-Mengen. Anstelle der fleißig aufgebauten Blasen, auf deren Basis die Gesellschaft derzeit lebt, braucht es dann etwas Anderes. Dafür schlagen wir die Garantie eines Umlagesozialsystems in allen (also praktisch möglichst vielen) Bereichen des gesellschaftlichen Lebens vor. Hier sollten vor allem diejenigen Sozialeinrichtungen mit oberster Priorität sein, die primär auf die ausgerichtet sind, die (insgesamt) am Wenigsten selbstversorgungsfähig sind. Umlage-Rente, Umlage-Krankheitsversorgung, Umlage-Sozialsystem. Alle weiteren Sozialmaßnahmen sollten nach und nach bei Finanzierbarkeit auf ein vom Staatswesen direktes oder indirekt organisiertes Umlageverfahren eingerichtet bzw. umgestellt werden. Alles direkt (je nach Bedarf) mitfinanziert aus Steuermitteln und – bei struktureller Notwendigkeit – indirekt durch genossenschaftliche Institutionen (mit)organisiert.

Ja, klar, das ist die (post-)klassische Idee des regelmäßigen, temporären Egalisierens der gesellschaftlichen Hierarchien durch ein Auf-Anfang-Setzen des wirtschaftlichen Unterbaus mit Hilfe des rechtsetzenden Überbaus – oder umgekehrt. Wenn ein solcher Neustart einen erwischt, wenn man gerade Vermögen angelegt, erarbeitet, erjagt und ersammelt hat: Scheibe. Die Welt ist aber eher rund. Auch wenn manche – und manche davon sogar ernsthaft – immer wieder zur Unterscheidung (und als Ausgleich zu recht) Ecken und Kanten fordern. Alles fließt, Kreisläufe laufen weiter. Geld kommt und geht – und sollte dann auch mal wieder kommen. Weitere Phrasen sparen wir uns hier. Wiederum Andere werden bei dem Neustart gewinnen (zumindest wirtschaftlich, also in Bezug auf die Theoriebildung besonders für die eher „ökonomistisch“ orientierten Neomarxisten und Neoliberalen unter uns interessant).

Das alte (nun mit dem Neustart veraltete) virtuelle Kapital ist dann, radikal, nichts mehr „wert“. Wenn man sich aber anschaut, ob sich dadurch die realen Grundlagen verändert haben, ist das nur eine nominelle Veränderung. Die materielle Situation – die Menschen, ihre Perspektiven, Kenntnisse, Stärken und Schwächen etc. bleiben zunächst die Gleichen. Das Spiel beginnt neu. Ist es dabei strukturell oder „nur“ oberflächlich anders? Das Gleiche? Oder sogar prinzipiell das Selbe? Aus unserer aktivistisch-reaktivistischen Sicht könnte ein arithmetisches Mittel – also das Bestehen des prinzipiell Gleichen zwischen dem alten Selben und dem spekulativen „Neuen“ – für Stabilität sorgen. Also letztlich wieder das Gleiche, aber in neuem Gewand und damit erfrischend frisch gestrichen. „Springtime for capitalism“ oder auch „Sozialdemokratie 2.1“ u.s.w. – je nach sozialstrukturell bedingtem Gusto. Dafür scheint es unserer konservativen Aktion aber strukturell notwendig – und darin haben wir „Einsicht“ – das Pendel des Umbruchs von Entstaatlichung und Auflösung mit unserem ebenfalls moderat-exzentrischen Gegengewicht (der Re-Aktion) wieder insgesamt in eine moderate, langweilige, stabile Mitte zu bugsieren.

Zwei Ausgangshaltungen zum „System“ bieten wir als RKA derzeit an:

1. „Das System an sich ist gut – es muss nur immer wieder zurückgesetzt und damit neu gestartet werden.“

2. „Das System ist schlecht – aber ein Neustart mit egalitärer Wirkung ist besser, als “nichts“ zu “tun“. [Gesamtheitlich betrachtet kann man niemals nichts tun, außer (ausgerechnet, da statistisch formulierbar) gegen die bedingende Wirkung der Grundstrukturen. 😉 ]

Ob nach dem Neustart eine Rekombination [Schumpeter] aus der Gesamtheit des bereits Vorhandenen kommt (ein Neo-Etatismus) oder etwas mehr oder weniger qualitativ „Neues“ (ein Post-Etatismus) könnten wir dann offen lassen. Nach dem ‚Zurück-auf-Start‘ würden wir uns wieder in den Nicht-Aktionismus zurückziehen. In einer ruhigen Zeit fallen laissez-faire und Revolutionismus nicht mehr strukturell weit auseinander – sondern sind eher eine Frage des subjektiv bedingten „Geschmacks“ und Stils.

Dann gilt wieder, was ein möglicher Wahlspruch von Angela Merkel sein könnte: „Das Nicht-Handeln üben: so kommt alles in Ordnung“ [Laozi].

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