Großvater erzählt (,) postmodern


20xx? Irgendwann, in einer Zeit nach dem Ende des gesellschaftlichen Umbruchs. In einer Zeit, in der die Strukturierungen wieder etabliert sind. Horst, Mensch und ‚Akteur in Strukturen‘, und als solcher ein Veteran des Umbruchs gewesen, erzählt:

„Die Republik der wilden, offenen Jahre. Die Umstände waren offen, weil sie für die Menschen in ihrer Entwicklung nicht genauer vorhersagbar waren. Sowohl was die Zeit als Gesamtes, noch was ihre Lebensgeschichten anbetraf. Was waren wir wild gewesen. Natürlich nicht wir als solche oder an sich, nicht mehr oder weniger als Andere in anderen Generationen jedenfalls. Die Strukturen waren es. Sie waren beweglich zu jener Zeit, sie tanzten durch die Tage und Monate, wie der Kongress vorder Restauration, hier allerdings am Ende der wilden Umbruchphase und zu Beginn der Re-Strukturierung. Aber immerhin und unbenommen waren wir – per Zufall und ohne Verdienst, also ohne Stolz, aber mit Glück, wie ich subjektiv meine – die Träger der Strukturen. Ob wir mal Wasser oder mal Wein trugen – beides ist notwendig vorhanden, also bedingt und Teil des Ganzen. Manche von uns trugen Fahnen, andere T-Shirts, mal als (post-)moderne Uniform, mal als Ausdruck naiver Individualität. Es wurde viel vor sich her-, und der Zeit hinterher-, getragen. Dafür wurde »this time« nicht so viel geschlagen – die Demographie war ruhig. Und trotzdem der Umbruch. Das stimmt doch in gewisser Weise optimistisch. Auch die demographisch saturierte Gesellschaft erlebte eine grundstrukturelle Veränderung. Oder ist das ’saturiert-Werden‘ selbst der Umbruch? Bzw. der Grund für diesen? Ich glaube Nein. Denn das Demographisch-Saturiertsein ist ein Element, ein wichtiges, aber nicht das Einzige, in der Komposition der Grundstruktur. Das Element ist nicht die Gesamtheit, wenn auch einzelne Elemente für Erklärungen leichter zugänglich und konkretisierbar sind. Den Pudding anhand eines seiner möglichen Zutaten an die Wand nageln, sozusagen. Die Gesamtheit ist es, in ihrer nichteinfachen, nichteindeutigen Form, die die Sozialsituation darstellt, durch welche die jeweils aktuelle Grundstruktur bedingt ist. Ob in ihrer Stabilität oder in ihrem Umbrechen zu einer neuen Grundstruktur.

Dann kam die Re-Strukturierung und darauf die Re-Etablierung in unsere wilde Zeit. Die ruhigen Zeiten waren wieder da. Stable times are here again. Nun machten wir – wie es jemand einst in den 1990er-Jahren in einem SPIEGEL-Leserbrief zu den “ ’68ern“ formuliert hatte – nur noch Schwitzflecken auf die Sitze unserer Mercedes Benze. Heute mit 3 Liter-Wasserstoff-Hybrid-Elektro-Motor.

Insgesamt ist es ruhig geworden. Ich bin in Bezug zu gestern ein passiver Nostalgiker und zu heute ein kritischer Konformist. Manche von uns sind, in gewisser Weise bruchlos aus der Umbruchzeit hinüberkonserviert, weiterhin aktiv engagiert. Die Einen auf kleiner Ebene, die anderen mit großen Ansätzen – neuen Ideologien oder alten Nostalgien. Die aktivistischen Nostalgiker sind meistens irgendwie sympathisch. Gerade wenn sie dazu stehen, auf Grundlage von „out of time“-Gedanken zu handeln und trotzdem friedlich ihr Ding machen. Allgemein ist die bewegte Zeit von vorher nun zur Nostalgie geworden. Zu ‚Geschichte‘, bestehend aus vielen perspektivischen Geschichten, Legenden und Sagen. Für manche besteht die Geschichte, als ein mögliches Muster für die vielen Geschichten, z.B. aus der Abfolge von Prä-Umbruchzeit, Umbruchzeit als Hochphase und einer Nachumbruchzeit, die eher die Wartezeit zur nächsten Veränderungsphase ist. „Nach dem Umbruch ist vor dem Umbruch“, sozusagen. Andere legen ihre – theoretische oder vorliebenhafte – Priorität auf die Stabile Zeit und formulieren daher z.B.: Stabile Zeit, chaotische Zeit, Stabile Zeit. Oder auch: Stabile Zeit, pubertäre prä-stabile Zeit, Stabile Zeit…

Ich bin heute selbständiger Damenbartdesigner. Ja, die genderische Offenheit hat in der aktuellen postmodernen Zeit zugenommen. Ob das ein qualitatives Entwicklungs-Phänomen ist, oder eher eine Frage der potenziellen Ignoranz-Fähigkeit des Menschen, weiß ich nicht. Ich nehme es konservativ so hin und freue mich darüber. Die Politik ist wieder – je nach subjektiver Perspektive und Situation eher unangenehm oder angenehm – langweiliger geworden. Dafür kann man in der Wirtschaft wieder „was bewegen“. Wenn auch innerhalb der gegebenen Stasis. Aber das ist in allen anderen Bereichen der Gesellschaft nicht qualitativ anders. Zeitbedingt. Stabil. Verlässlich. Freund und Feind und whatever, sind nicht objektiver auszumachen als in der bewegten Zeit – teilweise erschienen sie den jeweils subjektiv Bewegten damals sogar „klarer“. Dass unsere Konstruktionen nicht objektiv sind, machte „uns“ „der“ Postmodernismus „klar“ bzw. unklar. Dass die menschlichen Konstruktionen strukturell bedingt sind, formulierte der Strukturalismus. Aber in der Stabilen Zeit sind die subjektiven Konstruktionen, für die Konstrukteure wie auch für deren Rezipienten – mit deren wiederum eigenen Konstruktionen -, verlässlicher. In solchen Zeiten sind sie im Grundsatz recht stabil eingespielt und etabliert in derjenigen jeweiligen – ‚objektiv‚ willkürlichen – inhaltlichen Form, in der sie konstruiert sind. Zu beiden – dualistisch zusammengefassten – Zeitformen, Stasis und Umbruch, gehört ebenso zusammengefasst ein Aggregatszustand. In den Zeiten der Stasis, aus der heutigen Sicht die Zeitform von vorgestern, heute und übermorgen, sind die Welt(en)konstruktionen dem Aggregatszustand nach gleich, nämlich stabil. In Zeiten des Umbruchs, den Veränderungszeiten der Gesamtheit, sind sie in Frage gestellt. Der Aggregatszustand ist temporär instabil bzw. beweglich. Zumindest relativ. Ob es in solchen Zeiten auch einen Spielraum jenseits der Notwendigkeit, welche durch die Statistik dargestellt wird, gibt? Auch das weiß ich nicht. Sokrates lässt grüßen.

So viel formuliere ich, aus meinem heutigen Erfahrungsstand mit Umbruch und Stabilität, kontrastiv und kritisierbar: Eine relative Verlässlichkeit trotz der Existenz der Relativität – aller einzelnen Dinge – und der Willkürlichkeit der Existenz – und der Unwillkürlichkeit des menschlichen Handlungsraums. Das ist die starke Seite der Stabilen Zeiten.“

Bruno: „Ist das nicht eine konservative Apologie des Gesamten? Von Allem? Ein holistischer Angriff auf die Moral?“

Horst: „Ich mag die Wildheit und zumindest theoretisch-potenzielle Offenheit der Veränderungszeit. Ich mag aber auch – das ist formal-kompromisstische, aber vielleicht doch fundierte, Angela Merkel-Rhetorik – viele relative Charakteristika der Stabilen Zeit: Das Ruhige und weniger moralisierte, weil weniger Hitzige. Das Weniger Affektierte und das geringere Auftreten und ‚Notwendigkeit‘ von „Posing for social status“. In der Stasis sind die Abläufe innerhalb des Gesamten relativ geordnet verteilt. Dadurch sind für die einzelnen sozialen Bereiche die Inszenierungen im Groben gegeben. Für die Akteure gibt es daher keine Notwendigkeit, wettbewerbsmäßig vorgeblich „neue“ oder „originelle“ Sub-Inszenierungen aufzuführen. Das kann zugegebenermaßen auch als etwas langweilig interpretiert werden. Die Rollen sind inhaltlich verteilt, aber: Trotzdem gibt es für die Ausfüllung dieser – inhaltlich relativ festen – Rollen immer wieder Verteilungen und Nachfolgebesetzungen. Es gibt also auch in den Stabilen Zeiten ein personelles, akteurisches Buhlen um die Rollen der großen und kleinen Theaterstücke. Um die Haupt- und Neben-Rollen auf der mesosozialen, also gesellschaftlichen Ebene, welche einem manchmal, begründet – aber das dann doch oftmals ebenso seicht – durch ihre Abstraktheit, als die größere, „offenere“ Welt erscheint. Stabile Rollenverteilungen gibt es auch, auf der mikrosozialen Ebene, also im Bereich der Kleingruppen und Individuen unter- und zwischeneinander. Wenn auch mit sub-strukturell anderen Dynamiken. Ob hier der Spielraum für Abweichung und Strukturreflektion – in stabilen wie in bewegten Zeiten – größer ist, ist unklar. Unklarheit heißt Potenzial würde ein optimistischer Postmodernist vielleicht sagen. Auf mikrosozialer Ebene ist die Gesprächsweise vielleicht direkter und näher. Hier könnte Kommunikation, ein Sprechen miteinander, und nicht nur übereinander, eher gelingen als auf abstrakterer Ebene. Daher spreche ich heute am Liebsten mit meinem Nachbarn Klaus und anderen freiwilligen und unfreiwilligen Bekannten.

Für ein lockeres Gespräch unter nicht erhitzten Umständen sind in der Stasis die strukturellen Grundlagen beruhigend (oder beunruhigend bzw. langweilend) stabil vorverteilt.  Nach einem jeweiligen – objektiv nicht begründbaren – „Spielplan“ der verschiedenen sozialen Strukturen, die in die Grundstruktur des ‚Gesamten‘ eingebettet sind. Welche bedingt ist in der und durch die Notwendigkeit der Sozialsitutation, die nach jeder Umbruchzeit zum Aggregatszustand
»
stabil « „vorwärts“- und/oder „zurück“- oder einfach nur kehrt.“

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