Neuer Wein oder doch die (Nicht mehr-)Sicherheit des Bewährten?


Ich steh so auf das ganze soziale Zeug. Im Sinne der Komplexität der verschiedenen sozialen Phänomene, die durch die Zeit geistern. Einzeln sind es oftmals einfache, oder zumindest nachvollziehbare Konstruktionen und Erzählungen. Aber zusammen ergeben sie ein buntes Potpourri der subjektiven Prioritäten und Perspektiven.

Derzeit stehe ich auf Griechenland. Aufregende Zeit dort, obwohl es sich bei diesem indirekt traditionsreichen Konstrukt um ein relativ (und hoffentlich auch locker) alterndes, demographisch ruhiges Land handelt. Das macht Hoffnung auf ein schwungvolles Europa auch noch in 10, 20 Jahren. Dann ist vermutlich wieder Ruhe eingekehrt im alten Kontinent. Der seinem Namen Ehre macht. Und in dem trotzdem – und das stimmt optimistisch – immer noch, alle Phase (und Phrase) wieder, neue thematische Aufreger durchs Dorf jagen. Das Dorf ist heute, bezogen auf die Menschen mit Internetzugang, potenziell global. Das Herumschwirren der Schlagzeilen und Erregungen ist mit der Kommunikationstechnik schneller geworden. Das soziale Be-geistern und Ent-geistern scheint mir jedoch dem Prinzip nach gleich. Die soziale Gesamtsphäre – als Ort des Zuschauens und Eingreifens, neben den Welten des persönlichen Umfelds, der konkreten sozialen Gruppen etc. – ist interessant, so lange in den dort gerade zirkulierenden Schwirrungen Geist verortet ist. Oder zumindest irgend eine Art des Gehalts, direkt oder ableitbar, assoziativ und inspirativ. Das daraus Folgende ist, was man daraus „macht“ (bzw. in der subjektiven Bedingtheit „für“ und „durch“ den Menschen daraus „gemacht wird“). Kommunikativ, subversiv, kritisch, unterhaltsam, etc. Aber Geist sollte darin sein – denn sonst kann auch nichts durch Raum und Zeit geistern. Geistlose Aufregung erscheint mir eine Zeitverschwendung.

Nationen sind mir egal. In einer Art der relativistischen égalité sind mir alle Nationen gleich – unwichtig. Aber dadurch, das ist dem elenden Dualismus geschuldet, sind mir (abstrakt und ggf. praktisch) auch alle Nationen gleich wichtig. Und ein ausschließliches, absolutes Relativieren ist wieder ein Absolutismus. Auch die puristische Unwichtigkeit ist also eine Form der Wichtigkeit, wenn auch wenigstens bewusst als Gegenbild formuliert. Um die also trotzdem verbliebene Wichtigkeit der Konstruktion ‚Nation‘ zu unterlaufen greife ich meist zu kritischer Ignoranz oder Dekonstruktion (und spielerischer Relativierung) nationaler Symbolismen in meiner Kommunikation. Einen spielerischen Umgang versuche ich mit gleichzeitigem ernstnehmen und relativieren. Die Gleichzeitigkeit der (Un-)Wichtigkeit von „National“-Konstrukten transzendiere ich derzeit aktiv durch das temporäre Kaufen griechischer Produkte. Eine Art soziales Spielen mit den symbolischen Konstruktionen der Zeit, wie aktuell „Griechenland“ und „griechische“ Wirtschaft.

There is no such thing as Griechenland. Was es gibt sind z.B. Menschen und Wein. Vielleicht sind auch diese Kategorien als Abstraktionen nicht realer als ‚Griechenland‘. Aber in konkret sind Lebewesen – und nicht zeitbedingte Konstruktionen – der Kontext unserer Existenz. Wir Menschen sind… nun ja, vielfältig und trotz unserer Menschlichkeit immer wieder interessant. Wein mag ich nur ab und zu. Aber Käse. Ich mag Käse. Wenn jeder das hedonistisch genießt, was er gerne mag, werden zumindest die alten Schläuche mit dem jeweils darin befindlichen Wein wieder ver- und gekauft. Das bringt über die Runden, aber es muss auch neue Sichtweisen geben, sage ich als postmodernistischer Romantiker. Was ich hoffe und spannend finde: Neue Schläuche und neue Weine – hoffentlich viele solche mit dem Inhalt der ‚Gleichheit in Vielfalt‘, im Sinne Heines, L. Marcuses, Arendts, u.a. – liegen in der Luft der Zeit.

 

Vive la différence! Vive la Syriza?

 

Obwohl ich verstehen kann, dass in allen europäischen Ländern – auch in den (zumindest nominell und als abstraktes Ganzes) nettozahlenden Ländern der EU – Sorgen um Renten, Krankenversicherung und die weiteren staatlichen Grundinstitutionen vorhanden sind. Und daher teilweise rationale wie emotionale Skepsis gegenüber einer derzeit unkontrollierten (oder so erscheinenden) „Solidarität“. Man könnte sagen: Wenn das Fass einen Boden hat, den Boden Europa, dann geht das Geld, was irgendwo hineinfließt, nicht verloren, sondern bleibt im Kreislauf. Man könnte befürchten: Das Geld wandert weiterhin in einem großteils separaten Finanzkreislauf umher und wird nur noch teilweise – und im Verhältnis zur erhöhten Geldmenge weniger – „aktiv“. Aber es soll (nicht nur, aber auch) aktiv sein, das Leben. Ein Element des Lebens ist u.a. auch das kritische Konsumieren. Hedonismus und Reflexion könnten (vielleicht) zusammen glücklich sein. Dafür braucht es aber meiner emotionalen Spekulation nach die Verteilung der Güter nach Ausgewogenheit, und am Maßstab postmodernistischer Vielfalt.

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