Askese und Herrschaft der „Mitte“


In diesem Artikel auf kalliopevorleserin geht es um einen Hymnus in ambrosianischem Stil, aus dem 5. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Dieser behandelt Enthaltsamkeit und Aspekte einer Form des asketischen Lebens. Als ich das las, fiel mir ein Abschnitt aus dem Buch „Ignatius von Loyola“ von Ludwig Marcuse ein, der von einem idealistisch-praktischen Asketen namens Ximenes handelt.

Askese war und ist ja immer wieder ein Thema, das verschiedene Positionierungen auslöst (bzw. wechselseitig auslöst und im Gegenzug von verschiedenen Definitionen, Zielen und Wertungen konstruiert wird) und diesbezüglich eine Nichtessenz, aber praktisch eine Lebensmöglichkeit ist. Menschlich ist u.a. Essen (als ein möglicher Aspekt von Askese) ja basal und dessen Gestaltung als Thema zeitlos. Und kirchlich, religiös und weltlich ist es – als radikaler/ernsthaft-bewusster Lebensstil – ein von der jeweiligen Herrschaft und ‚Ordnung‘ beäugtes Phänomen. So schreibt z.B. Ludwig Marcuse über/von Ximenes, der im 15./16. Jahrhundert u.Z. lebte, dass dessen Praxis seines eigenen Lebens teilweise nicht herrschaftsordnungs-opportunistisch und -konform war. (Aber eben auch seinerseits seine Herrschafts– und Führungs-Art für viele (zu) anstrengend und/oder idealistisch und speziell/in eine Richtung spezialisiert.):

„[…] Damals war Ximenes neunundfünfzig: ein Asket ohne Rücksicht gegen sich; ein harter Herr ohne Rücksicht gegen seine Untertanen. Mehr als tausend Mönche seines Ordens verließen das Land und setzten nach der Berberei über, da sie lieber unter Ungläubigen als unter dem strengen Regiment des erzbischöflichen Puritaners leben wollten. […] Auch als Erzbischof trug er das ärmliche Ordenskleid. Aus der Küche seines Schlosses kamen die Gerichte eines Klosters. Seine Reisen machte er, wie der armseligste seiner Diener, zu Fuß; […] Der fürstliche Palast war eine Einsiedelei; […]
Doch ist es schicklich, daß der spanische Primas wie ein Bettler herumläuft? Zwar hatte vor mehr als tausend Jahren das Konzil zu Karthago dem Bischof das bescheidenste Leben vorgeschrieben. Aber die Kirche Alexanders VI., Julius‘ II., und Leos X. hatte andere Vorstellungen von dem Lebensstandard eines Großwürdenträgers Christi. Also erließ der Papst dies Breve an Ximenes, seinen mächtigsten Diener im Weltreich Spanien: »[…] Die heilige Kirche wird, wie Du weißt, dem himmlischen Jerusalem gleich, durch viele und verschiedene Zierden geschmückt, wobei, wie durch Übermaß gesündigt, so durch Mangel geirrt werden kann. [lol!] Das aber, was für jeden Stand sich geziemt, zu beobachten, ist Gott lieb und angenehm. [doppeltes lol] Deshalb muß jedermann, besonders ein Kirchenvorsteher, wie in Sitten so in der Kleidung und der äußeren Erscheinung den Verdacht abergläubischer Niedrigkeit nicht weniger als den Vorwurf der Eitelkeit und des Stolzes vermeiden; denn durch das eine wie das andere wird das Ansehen der kirchlichen Ordnung geschmälert. […]«
Ximenes änderte seine Gewohnheiten. Er entfaltete die Pracht, welche die Welt von seinen Vorgängern gewohnt war. Seine Wagen, seine Pferde, sein Gefolge verkündeten jetzt die Majestät ihres Besitzers. Aber während seine Tafel verschwenderisch gedeckt war, blieb er enthaltsam. Unter seidenen Gewändern und kostbaren Pelzen trug er die grobe Kutte des heiligen Franz, die er eigenhändig ausbesserte. […]“

Zitat aus: Marcuse, Ludwig (1973): Ignatius von Loyola, ein Soldat der Kirche. Zürich: Diogenes (Diogenes Taschenbuch, 21/5).

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