Schlagwort: Struktur und Akteur

Stränge unserer Persönlichkeit treffen sich auf verschiedene Weise

Gesamtstruktureller Rahmen des Lebens (zumindest der Lebenswahrnehmung/-interpretation) – Individuelle Komposition aus vorexistierenden Faktoren und gleichzeitigen Verhältnissen – Treffen von individuellen Kompositionen/Lebenswegen/Perspektiven – Wechselwirkung zwischen Strukturen und Individuen – Relevanz des Handelns für uns gegenseitig/eventuell (allgemein und/oder in besonderen Momenten/Situationen) Relative Relevanz. Nicht ohne strukturelle Grundlage (die vorexistierenden Bedingungen) & Rahmen (die jeweiligen Umstände, Verhältnisse und Zusammensetzungen der Zeit [allgemeiner] und Situationen [konkreter])

 

Wir haben keinen freien Willen im Sinne dessen, dass wir der Ursprung der Grundlagen unseres Denkens oder Handelns wären. Alles ist zusammengesetzt aus Dingen, die schon vorher waren, und die in der konkreten Umwelt und Sozialisation (nichtbewusst, sondern systemisch und strukturell) vorinterpretiert sind.
Wir sind individuell in unserer jeweiligen Gesamtkomposition – unserer Zusammensetzung aus verschiedenen Faktoren und Ausprägungen bestimmter Phänomene.

Wir haben verschiedene Stränge in uns. Diese können von außen verschieden angesprochen werden – aktiviert werden oder unbeachtet bleiben. Die Aktivierung und das zum Ausdruck kommen der Facetten unserer Komposition und des Menschen allgemein, erfolgt auf verschiedene Weise. Eine Eigenschaft (oder Verknüpfung von Eigenschaften) kann sich – auch je nach Maßstab – positiv oder negativ etc. auswirken/zum Ausdruck kommen.
Wir könnten uns also sagen: Wir können uns gegenseitig inspirieren, anregen, Seiten in uns zum Klingen bringen (z.B. im Bild des Universums als vibrierende ‚Strings‘). Das ist/wäre unser individueller Einfluss auf andere Individuen und konkrete strukturelle Situationen – z.B. die Atmosphäre/Spannungslage/strukturelle Zusammensetzung einer Situation. Als Individuen Teil der Komposition der konkreten Strukturen, in denen wir uns bewegen und mit diesen Teil der Gesamtstrukturen. Wechselwirkend. Dabei sind wir bzw. der Orientierungsrahmen
– in dem wir leben und in und durch den wir alles was ist/für uns ‚ist’/was wir erleben, und was wir uns vorstellen können (auch die Fantasie und Begriffsneubildungen bauen auf dem Strukturellen Vorvorhandenen auf), interpretieren –
Ausdruck der strukturellen Gegebenheiten. Diese strukturellen Bauelemente sind geworden und werden (in Reproduktion und Entwicklung) zu den historisch-allgemeinstrukturellen Rahmen – einer Gesellschaft oder einer Lebensweise oder, heute, der vielfach weltweit(en) verknüpften Gesellschaft (genannt Kulturen, Epochen, etc.). Und sie wurden und werden zu den jeweiligen Inhalten/Zusammensetzungen der verschiedenen konkreten Situationen (den längerfristigen sozialen Kontexten oder auch einer kurzfristigen Situation. Einer bestimmten Gruppenkonstellation, ein Treffen verschiedener Individuen und Lebenswege etc.).
Aber theoretisch sind auch wir als Individuen und Handelnde wieder die, die die Gesamtstrukturen ausmachen (jedoch niemals bewusst geschaffen haben), denn ohne uns würde das Universum nicht gedacht/nicht so interpretiert werden.* Wie wir es in unserer Strukturierung denken. Ohne bewussten oder selbst geschaffenen Ursprung und ohne irgendeine Entscheidung, die nicht aus-Vorherigem(-potenziell allem Vorherigen**-) zusammengesetzt ist, wie wir handeln oder wie unsere Handlungen interpretiert und eingeordnet werden – in konkreten und abstrakteren Strukturen, die der Rahmen unseres Verständnisses von uns selbst, allem Anderen, den Vorgängen und den (eher aktiven/reaktiven/passiven) Handlungen darin, sind. Aber doch relevant.

___
* Ob Außerirdische das Universum auch so interpretieren würden/müssten (weil es objektive Parameter hat, wie es z.B. Roger Penrose und Stuart Hameroff versuchen zu ent-wickeln) ist eine interessante Frage der Naturwissenschaften und Philosophie.
** Auch die Zukunft könnte schon „da sein“ – stattgefunden haben oder immer alles gleichzeitig stattfinden. Aber der Zeitpfeil von Vergangenheit nach Zukunft – und erlebbar immer als Gegenwart, gilt zumindest für unser menschliches Erleben/Aufnahmefähigkeit/Aufnahmeperspektive.

Advertisements

Machen wir uns nichts vor

Machen wir uns nichts vor: Wir machen uns alle etwas vor. Das Leben ist eine Bühne, mit etlichen Subbühnen, mit mehr oder weniger glücklichen SchauspielerInnen und mehr oder weniger angesehenen Rollen. Das Angesehen
– „sein“ (die Position eines Menschen in den Strukturen und [deren] Hierarchien)
– und werden (wie man in der Praxis, in konkreten Situationen behandelt/’eingestuft‘ etc. wird)
ist bei den Rollen am wichtigsten. Und selbst (und teilweise gerade) dann, wenn wir sagen „Machen wir uns nichts vor“, machen wir uns auch, als das, und im Zuge dessen, (wieder) etwas vor.

Struktur, Wünsche, Status, Show, Vernunft

Die feuilletonistische Vorherrschaft der Linken* ist gesellschaftlich eine oberflächliche. Teilweise liegt das vermutlich an der (perspektivisch großen) Lücke zwischen Menschen, die sich mit Gesellschaftstheorie beschäftigen und denen, die es nicht tun.
Wichtig für soziale Stabilität und Veränderung ist die strukturelle Basis, die sozialstrukturellen Bedingungen. Zwischen diesen Bedingungen – als Feld auf dem funktioniert werden soll, aber auch geträumt werden kann – und den Wünschen und der (teils) auch inhaltlich ernstgemeinten Rhetorik scheint oft eine Lücke zu sein, also eine zwischen Struktur und Idee. Dazu kommt noch, dass viele rhetorische „Linke“/Veränderer ihre Rhetorik großteils als Vehikel für Status und Identitäts-Konstruktion nutzen, nicht für eine praktische Herausforderung der Verhältnisse. Dadurch sind sie implizit an einer Bewahrung dieser Verhältnisse, der Feindbilder und des eingespielten rituellen Schlagabtausches, interessiert. Auch wenn sie darüber hinaus denken und handeln könnten bleibt es daher oft bei einer strukturkonservativen Beibehaltung der abgesteckten Positionen, Lager und den darin eingerichteten Identitäts-(Selbst-)Erzählungen.

Dass trotzdem die Menschen immer wieder vernünftige Äußerungen tätigen und formale, also halbwegs intentional geschaffene Institutionen nicht nur reine Partikular-Instrumente sind, kann einen sogar optimistisch stimmen. Es scheint strukturelle (aus vielem zusammen entstehende) und persönliche (intentions-mitbestimmbare) Vernunft zu geben. Vielleicht ist das auch nur mein Hinbiegen für einen (für meinen existenzialistischen Lebensbereich zuträglichen) Zweck-Vernunftsoptimismus. Aber es muss (pragmatisch) oder soll (als Konstruktion der Möglichkeit) auch das Bewusstsein das Sein inspirieren.

___
* Links breit gefasst als der Wunsch nach Veränderung durch Reformierung, Restrukturierung etc.

Die historische Figur und die Gegenwart

Was „macht“ den Menschen (aus, zum Helden und/oder Bösewicht)? Als Strukturalist sage ich natürlich: Die Struktur. Auf der großen Ebene. Und im Kleinen das – zumindest vorstellbare – Potenzial zur Abweichung von der ‚Notwendigkeit‘ der Struktur/en. Und in der Mitte zwischen dem ganz Abstrakten und dem Individuellen?: Die Plattform der sozialen Konstruktion. Die Show der Selbstdarstellung auf der Bühne der Gesellschaft, mit ihren Zuschreibungen und Projektionen. Und vor dem gesellschaftlichen Hintergrund: Die Welten der relativ fest organisierten, regelmäßig bestehenden Gruppen. Von anachronistisch bis unabsichtliche/unplanbare Avantgarde. So lange sie existieren repräsentieren die Gruppen einen Teil des Gesamtzustandes der Gesellschaft. Und die Gruppen werden repräsentiert durch die Mitglieder. Aber nicht durch deren Individualität, sondern in ihren Rollen innerhalb der Gruppen und (mit diesen oder auch mal alleine abgeordnet) auf der Bühne der Gesellschaft.

Welche Ebene ist nun wichtig? Subjektiv. Welche zeigt Veränderungen? Die große, abstrakte – wenn die Veränderung zur Strukturveränderung wird. Diese Veränderungen macht der Mensch, von schlecht bis gut (anpassungsfähig) mit. Das Potenzial zur eigenen Veränderung und gegenseitigen Inspiration liegt in der gegenseitigen Kommunikation. Und die ist auf der Individualebene zu Hause. In der Mitte (auf die im politischen Sinn immer wieder alle Spitzenrepräsentanten und alles inhaltlich Tragfähige hin[aus]läuft) ist in Zeiten von Stabilität und auch der Veränderung von „Oben“ (von der großen Ebene getragen, eventuell im Kleinen non-intentional und unplanbar angestoßen) die Bühne. Für die, die gegen die Windmühlen kämpfen (anachronistisch, heterogen zur Strukturentwicklung), bishin zu denen, die „für die Veränderung stehen“, also diese – ohne konkretes Verschulden oder Verdienst – repräsentieren. Die Masse – und das macht sie in diesem Fall irgendwie sympathisch, sieht dem Treiben apathisch, oder konformistisch-bauernschlau, zu. Und harrt der Dinge, die da kommen. Und mancher aus der Masse trauert – aber nicht zu lange und nicht zu tief – um die „alte Zeit“. Und mancher freut sich – aber nicht zu sehr und nicht zu vorfestgelegt darauf, wie sie denn genau aussehen wird – auf die „neue Zeit“.

Eine bestimmte Art Konservativer sagt: Die Strukturen sind so, die Person, die darin ihren Platz zugewiesen bekam (und eventuell wieder neu bekommt), kann die kalten Strukturen mit gutem Leben ausfüllen.
Der dem kontrastiv entsprechende Liberale sagt: Die Person kann die Strukturen verändern und für sich einen neuen Platz in der – durch die Vielzahl der einzelnen Geister und dynamischen Individuen – sich verändernden Gesellschaft erlangen.
Ein bestimmter Sozialist sagt: Die Strukturen können durch das gemeinsame Handeln der Akteure geändert werden. Das könnte so auch von Hannah Arendt sein. Aber er fügt an: Die Strukturen ändern sich durch die Taten der Akteure – wenn die Zeit reif ist (Revolution) oder Schritt für Schritt (Reform).

Vermeintlich ist es die individuelle Ebene, wo Helden etc. geboren werden bzw. zu Ruhm gelangen. Diese Art von Helden- oder Bösewichts- (oder sonstigen) Rollen findet aber durch Zuschreibung und (negativer oder positiv besetzter) Ideal-Projektion in den (hier als mittlere Ebene bezeichneten) Bereichen statt: Der Gesellschaft und den Großgruppen (größere bis große Gruppen semikonkreter und relativ fest positions-strukturierter Art). Auch die kleinen Gruppen haben ihre „Helden“. Aber diese sind nicht so groß (konstruiert). Außer für das einzelne Gruppenmitglied vielleicht. Einerseits ist auch dieser Held der kleinen Clique etc. nur ein Konstrukt. Aber sein (oftmals) verringerter Anspruch bzw. seine automatisch verringerte Wirksamkeit macht ihn vielleicht sympathischer als den großen Helden. Der aber auch nichts dafür kann, dass er es geworden ist. Der Held der nur kurz einer ist, der nicht zum Symbol oder zur lebenden Statue wird. Der ist kein Held relativ fester Gruppen, sondern ein ad hoc Held. Bald wieder ist er in der Masse verschwunden bzw. nimmt er eine andere Rolle ein. Aber diese flexible Rolle (die Poststrukturalisierung des Helden? oder „einfach“ irgendwas) ist der „Gesellschaft“ (<- hier als abstrakter Bösewicht) „nicht genug“. Sie „braucht“ die Helden, Bösewichte, etc. die sie längere Zeit hochhalten oder vor denen sie warnen kann. Auf die projiziert werden kann. Als Repräsentanten von gut oder edel oder mutig oder böse. Welche Rolle dem einzelnen Menschen als Rolle (nicht als Individuum) zufällt, ist eine Frage seiner Existenz und seines Charakters (Zufall) innerhalb der jeweils gegeben Struktur (sozusagen Schicksal).

Position und/oder Charakter  (oder was anderes)?

War er so nett, weil er nicht in einer (unter anderem so genannten) Machtposition war? Oder war er nicht in einer Machtposition, weil er nett war?