Schlagwort: Systemtheorie

Eine Schwerkraft für alle, verschiedene Abstände zum Kern

Wir halten uns primär nicht an Normen (soziale Normungen, Standardisierungen, Gleichmachungen, Uniformierung, etc.), weil diese moralisch gut oder schlecht sind, sondern weil diese unsere Aufnahme in die jeweilige (historisch bestehende) Gesellschaft und die jeweiligen sozialen Gruppen erleichtern (je nach dem von überhaupt ermöglichen bis verbessern). Wohlverhalten ist unsere Eintrittskarte und (entziehbare) Aufenthaltserlaubnis in den sozialen Gefügen.

Diese Einfügung in das Gesamtgefüge ist ein soziales, nicht-individuelles Phänomen, welches aus Effekten besteht und nicht aus dem (theoretisch freien, bewussten) Handeln von Individuen. Nur handelnde Akteure, denkende Wesen, sind potenziell/theoretisch zu moralischen Unterscheidungen fähig. Ein soziales Gefüge ist kein mit Bewusstsein ausgestatteter Akteur und handelt nicht. Daher sind soziale Gefüge a-moralische Phänomene, sie haben also weder moralische, noch unmoralische Kategorien. Ein Gefüge existiert nicht nach einer moralischen Einschätzung (das können nur Lebewesen mit entsprechendem Bewusstsein), sondern nach der/seiner Funktionalität – wenn es sich reproduzieren kann und stabil bleibt, bleibt es, wenn nicht ändert es sich oder hört auf zu existieren. Das geschieht auch nicht nach moralischen Kategorien, sondern systemischen und strukturellen Aspekten. Ein soziales Gefüge überlebt nicht, weil es moralisch „gut“ ist oder „schlecht“ etc., sondern weil es funktioniert/sich reproduzieren kann.

Die verschiedenen sozialen Gefüge
– von einer kleinen bis zur großen, abstrakter konstruierten, Gruppe; und einer darüber existierenden Gesellschaft (als ein etwas differenzierterer, also teils kleinere Widersprüche in den Normierungen aushaltender, Überbau) –
haben unterschiedliche Logiken, die im Gesamtgefüge integriert sind. In den jeweiligen konkreten Kontexten (z.B. dem Teilsystem ‚Kultur‘ oder dem Wirtschafts-Teil-System) gibt es jeweilige soziale Normen und Standardisierungen etc. Diese sind nicht von Menschen „gewählt“ worden. Sie sind Audruck der Gesamtsystemlogik, der Teilsystemlogik und der sich daraus ergebenden/sich von diesen ableitenden strukturellen (nicht von Menschen vernunft-ursächlich oder sonstwie bewusst gewählten Konstruktionen -> Vgl. Rationalismus als Gesellschaftsplanungs-Vorstellung in der Zeit der Aufklärung [und allgemein]) Arrangements.
Die Menschen interpretieren mehr oder weniger viele der jeweiligen bestehenden Normen als angenehm/als „ihre“ Normen (weil diese jeweiligen Normierungen charakterlich und biografisch [genetisch und Lebenserfahrungen] zu ihnen passen, oder weil sie durch die Umstände in ihrer Lebensbiografie reibungsarm/glatt sozialisiert und in die jeweiligen – im Prinzip, aber nur theoretisch: kontingenten – Normvorgaben eingefügt worden sind).

Es geht also ursächlich (so weit man es nachverfolgen kann, also im kritisch-rationalen Sinne: basal) nicht darum, ob eine Norm/Standard/soziale Gleichmachung moralisch legitim oder nicht, vernunftethisch vernünftig oder nicht etc. ist. Es geht darum, ob eine Norm effektiv existiert und ob sie den Logiken des sozialen Gesamtsystems (mit seinen Teilsystemen) entspricht.

Normierungen und Gleichmachungen sind ein Ausdruck unserer in Gruppen (und heute zusätzlich und das Gesamtgefüge-anders-arrangierend: in Gesellschaften) uns gegebenen Lebensweise. Die Normen sind ein Ausdruck der Funktionalität. Alles Normabweichende wäre anstrengend für das System und dessen Effektivität. Und wir fügen uns – ganz „natürlich“ oder weil wir mit Zuckerbrot und Peitsche diszilpliniert und „überzeugt“ (nicht in Vernunftkategorien) worden sind.
Überleben, unsere Sicherheit, unsere Versorgung mit basalen Dingen (Essen, Obdach, Krankenversorgung etc.) und ein mehr oder weniger großer Wohlstand, Konsum etc. stehen für uns als Menschen aus unserer Akteursicht/Sicht als Handelnde auf dem (systemisch und strukturell vorgegebenen) Programm. Für die Systeme selbst und deren Strukturen „geht es“ um ihr Funktionieren und ihre Reproduktion, nicht mehr und nicht weniger.

Aber/Und – als erschreckende oder beglückende Momente – gibt es für manche und manchmal Momente der Abweichung. Ein kleiner Ausflug mit/zu etwas mehr Abstand zur Schwerkraft der biologischen und sozialen Systeme und Strukturen.

„Das mögen vielleicht Künstler oder in ihrer Wahrnehmung der systemischen Ordnungen ver-rückte Menschen erleben, aber ich als Normalbürger doch nicht.“

Doch, es könnte auch Sie treffen. Falls Sie einen erleben und wahrnehmen – und Sie sich währenddessen nicht die ganze Zeit Sorgen um soziale Verstoßung und Statusverlust machen (müssen) – genießen Sie diese Momente und Ausflüge, falls Sie der Typ dazu sind.

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Es gibt Opposition gegen das Bestehende, und es gibt Opposition innerhalb des Bestehenden.

Die außerhalb des ‚aktiven’/repräsentierenden Teils des Systems verortete Opposition kann inhaltlich & strukturell gehalthabend sein/sich in beschränktem Maße so bewegen. Dadurch ist sie
– relativ authentisch (im Sinne der nicht abschließbaren ernsthaften Suche nach Authentizität, das heißt: nicht offensichtlich unauthentisch)
– und in ihrem (mehr oder weniger großen, abweichenden) Gehalt theoretisch (etwas) gefährlich für die Reproduktion des Gesamt-Systems (als dem Gefüge der verschiedenen Teilsysteme und deren Strukturen und Substrukturen etc.).

Die innerhalb des repräsentierenden Teils eines oder mehrerer Systeme (Wirtschaft, Kultur, Politik, oder anders formulierte) verortete Opposition erfüllt eine wichtige Funktion für die dauerhaft stattfindende Stabilisierung und Reproduktion der jeweiligen Systeme, und damit insgesamt für das Gesamt-System. Die systemisch als „innen“ integrierte Opposition ist keine Opposition, die Grundsätze in Frage stellt. Sie repräsentiert ein Gewicht zum Ausgleich oder der Balance innerhalb der systemischen Parameter.

Rationalität, Kritik etc. und gesellschaftlich-systemischer und -struktureller Rahmen

Es gibt in einer Gesellschaft – vereinfacht zusammengefasst formuliert – die erlaubten und die nicht erlaubten Dinge:

– unmoralische/vernunftethisch falsche Dinge, die gesellschaftlich erlaubt (oder stärker: institutionalisiert) sind, also systemisch erlaubt/nicht „zu bekämpfen“ sind. Diese erlaubten Dinge werden von den wichtigen gesellschaftlichen Akteuren (welche system-funktional und strukturell für die konkrete Ausgestaltung des vorgegebenen System-Rahmens zuständig sind) entweder toleriert oder gefördert (rhetorisch, materiell etc.). Z.B. als ‚erlaubte Abweichung‘ aka ‚künstlerisch wertvoll‘, als ’notwendiges Übel‘ deklariert oder als ‚moralisch‘ und ‚gut‘ (um)deklariert.

– ethisch falsche Dinge, die nicht erlaubt sind.

Ähnlich dazu gibt es auch gesellschaftlich als ‚gut‘ und als ’nicht gut‘ eingestufte Dinge (Ideen, Handlungen, Gruppen, etc.). Ein Beispiel für die einzelnen Erscheinungsformen/Folgen dieser systemisch-strukturell begründeten* (Zu-)Ordnung der Dinge [vergleiche Michel Foucault]: Die Religionsausübung.

Offizielle und gesellschaftlich-gouvernemental geordnet erfasste Kirchen ’sind‘ (d.h.: werden systemisch und gesellschafts-strukturell eingeordnet und bezeichnet als) gesellschaftlich gut. Als „Sekten“ bezeichnete Formen Religionsausübung sind gesellschaftlich-gouvernemental schlecht.

Ebenso gibt es irrationale und rationale** Dinge, die erlaubt sind oder erwünscht. Und irrationale und rationale Dinge, die verpönt sind oder system-bedingt (und durch die entsprechenden system- und struktur-tragenden Akteure) ausgegrenzt werden.

Alles, was gesellschaftlich inkorporiert, diszipliniert, gesteuert und kontrolliert werden kann, kann erlaubt sein. Was sich der gouvernementalen Rahmung und Eingliederung entzieht wird gesellschaftlich als negativ zugeordnet.

___
* Die systemischen und strukturellen Rahmenbedingungen (Grundlagen und darauf aufbauenden Strukturen) sind die relativ ursprüngliche (im sozialen Bereich, nicht im naturwissenschaftlichen, was wieder dahinter stecken mag) (Ver)Ursache dessen, was Menschen in Systemen und Strukturen dann dem entsprechen/das nachvollziehend ausführen, in dem sie es in Handlungen umsetzen.

Auch dabei können Abweichungen (sozusagen Mutationen) passieren. Diese werden aber in der Regel schnell wieder disziplinert/“unschädlich“ gemacht. Einige Wenige davon verändern
– kulminierend, zusammen mit anderen Veränderungen, graduell oder in einem punktuellen Umbruch; nicht-intentional und nicht bewusst steuer-, plan- oder gestaltbar –
bestimmte Parameter des Systems. Allerdings verändern auch diese unbeabsichtigten/unabsehbaren systemisch-strukturellen Veränderungen vermutlich niemals die Grundlogik und die Grund-Bedingungen von Systemen und Strukturen als solche. Allen voran (in der gesellschaftlichen Status-Konstruktion hierarchisch) die system-repräsentierenden/-anführenden Akteure (Funktions-Eliten in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen).
** Was in einer Gesellschaft als rational gilt ist auch (ko-)bedingt durch systemische und strukturelle Anforderungen, Logiken und Dynamiken. Aber auch wenn wir uns ‚Als ob‘ auf eine umfassende Rationalität einigen würden, würde die Gesellschaft qua strukturaler und systemischer Anforderungen immer noch zwischen erlaubten (systemisch und strukturell gestatteten) und unerlaubten, erwünschten und unerwünschten etc. rationalen Handlungen und Kritik unterscheiden. Die gestattete/erwünschte oder zumindest tolerierte Kritik wäre dann aus Sicht der system- und struktur-tragenden Akteure und Institutionen „hilfreich“, „konstruktiv“ etc. und die ‚falsche‘ (auch die noch so rationale) Kritik wäre „destruktiv“, „utopisch“, „verrückt“, „fantasierend“, „obskur“, „düstere Absichten“, „überzogen“, „maßlos“, „radikal“, „unausgewogen“ und viele sich im Laufe der Menschheitsgeschichte dauerhaft wiederholenden Sprechschablonen mehr.

Frage und fiktionaler Entwurf: Ist etwas außerhalb der systemischen Einbindung?

— Hat das Gesamtsystem Lücken bzw. Türen,
aus denen man – mit mehr oder weniger großer Gefahr des ver-rückt-werdens oder sozial als verrückt zugeschrieben werdens – austreten kann? Um dort z.B. Urlaub zu machen (die Energiespeicher für systemfunktionales Handeln wieder aufzuladen).
Oder um
– das, was außerhalb ist (als mehr oder weniger konkrete Tatsache) und/oder
das bzw. etwas davon, was sein könnte (Potenzial)
zu erforschen.
Oder um zur wissenschaftlichen Forschung/Rekonstruktion das Gesamtsystem und die sozialen Systeme von Außen zu betrachten.

— Oder hat die systemische Welt in der wir leben (bzw. die systemische Ebene der modernen gesellschaftlichen Existenz) nur Fenster ohne Griffe?

Fenster, aus denen man rausschauen kann

– falls man sie findet und falls nicht Gardinen oder Rolläden (Faktoren oder Imperative [sanktionsbewehrte Funktions-„Aufforderungen“] der verschiedenen Systeme: kulturelle, ökonomische, soziologische, psychologische etc.) die Sicht versperren.
Und falls nicht Grenzen des biologisch-evolutionär entstandenen Verstandes die Erkenntnisfähigkeit/Interpretierbarkeit der außersystemischen Beobachtungen/Erfahrungen verhindern. –

aber aus denen man nicht rausklettern kann?

Systeme, komplexe Technologie, Alltag, Menschen

Ist es ‚kognitive Dissonanz‘ (als Phänomen, oder als Handlung, oder anderweitig), wenn ich mir vorstelle?:

Systemperspektive: Die (mehr oder weniger) verschiedenen Sozialen Systeme sind mit jeweils einer eigenen Logik versehen. Sie bilden, wechselwirkend verbunden, ein Gesamtsystem. Die Systeme prägen die Menschen, aber sie sind nicht alles. Aber ohne sie ist/wäre keine heutige Gesellschaft, heutiger Leviathan, vieles nicht.

Die selben Menschen, nicht mal nur die gleichen, tragen (im Sinne Althussers, oder anderweitig) bzw. „handeln“ (nicht, zumindest nicht deckungsgleich: „sind“) das Gesamtsystem und die Teilsysteme.

Das sind Menschen mit Fehlern und Sehnsüchten und biologischer Zusammensetzung etc. Und gleichzeitig sind sie Professorinnen und Fachleute für Hochtechnologie, Ingenieurswesen, Medizin etc., Technikentwickler und -versteher, Kommunikationstechniker, Lebenstechniker etc. Zur Entwicklung oder Ingangsetzung und Instandhaltung und Anwendung von komplexen Techniken in der Lage (als Person und durch die technische und gesellschaftliche Struktur). Ganz alltäglich und immer wieder außergewöhnlich.

Die Menschen „sind“/werden (vielleicht u.a. wie nach Hegel, und/oder anders) durch das Handeln, legen sich aber gerne feste Identitäten u.a. zu. In manchen Momenten kommt es mir erstaunlich vor,

dass es die selben Menschen „sind“, die auf allen diesen (beispielhaft benannten) Ebenen handeln – auf der systemischen, der komplex-technischen und der alltäglichen. Und damit auch wieder etwas ’sind’/darstellen/Rollen und Positionen einnehmen etc.

Dass die selben Menschen (wenn auch in oder als verschiedene Aspekte ihres Lebens) zur Wirkung kommen in und durch beides:

— durch das systemische Handeln,

also durch:
– Systemadaptierendes und –ausführendes Handeln.
– Gelegentliches das System funktional-technisch effizienter machendes Handeln.
– Und, graduell-inkrementell oder punktuell-umbruchartig, system-veränderndes Handeln: Das System wie auch seine ungeplante Veränderung in verschiedenen Rollen&Positionen ausführende und repräsentierende Handeln. Welches als Ganzes/in seiner Richtungsentwicklung etc. ungeplant und nicht absichtlich-kontrolliert ist. Also weder systemunabhängiges Handeln ist, noch vollständig vom System (allein) determiniert.

— und auch durch das alltägliche (eventuell u.a. durch: das Handeln im Kontext der Lebenswelt nach Habermas) Handeln.